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Und wieder einmal saß sie am Fenster und schaute mit leeren Augen ins Nichts. Man sah ihr nicht an, ob sie etwas sah oder nicht, aber man konnte förmlich sehen, wie sie alle Geräusche, Gerüche, das Leben auf der Straße in sich einsaugte, sich ein Urteil –oder auch kein Urteil, wer weiß das schon- darüber machte und in ihrem Gedächtnis ablegte, um sie jederzeit wieder hervorholen und erneut erleben zu können. Ihr Kopf mußte so aussehen wie eine ordentlich aufgeräumte und gut gefüllte Vorratskammer: Marmeladengläser, ordentlich verschlossen mit roten Gummilitzen, in denen Geräusche und Gerüche, eben Erinnerungen, säuberlich katalogisiert, analysiert und regelmäßig abgestaubt wurden. Das Gedächtnis der Menschen ist ein komisches Ding: Überall Erinnerungen, die meist in den unpassendsten Momenten wieder auf einen einstürzen, Sodas man manchmal am liebsten lachen würde, während man eigentlich weinen will.
Nicht so bei ihr. In ihrem Kopf ging alles seine geordneten Wege, sie konnte jederzeit die gewünschte Erinnerung abrufen und wußte genau, was sie dabei empfunden hatte, auch konnte sie sich problemlos wieder in ihre Gefühle hineinversetzen, was ihr stets die richtigen Reaktionen auf überraschende Neuigkeiten ermöglichte. Diese außerordentlich Fähigkeit machte sie zu einer der besten Schauspielerinnen, die je auf der Erde wandelten. Jedoch verspürte sie keinerlei Ambitionen, diese schauspielerische Fähigkeit zu nutzen, böse Zungen behaupteten, sie verschwende ihr Talent an ein Leben, das ihrer nicht würdig sei. Doch sie hatte tatsächlich noch nie in ihrem ganzen Leben das Bedürfnis verspürt, auf einer Bühne zu stehen und sich vor wer weiß wie vielen Menschen zu präsentieren. Sie war nie ein ‚Mittelpunktskind‘ gewesen, sondern immer mehr diejenige, die im Hintergrund blieb, beobachtete, analysierte und ihre Schlüsse zog, um im richtigen Moment einzugreifen. Sie wurde stets als ausgeglichen, ruhig und berechnend, aber nicht hinterlistig bezeichnet. Ihr analytisches Verständnis setzte sie ein, um ihre Ziele zu erreichen, jedoch machte sie sich nie die Nachteile Schwächerer zunutze. Auch Fairneß war eine ihrer Charakterstärken.
Sie war auch keineswegs häßlich, zwar nicht die klassische Schönheit, aber durchaus hübsch anzusehen, sie war nicht dick, nicht dünn, nicht groß, nicht klein, eher eine unauffällige Person, aber auf keinen Fall häßlich zu nennen. Sie hatte rotblondes, langes Haar, das sie meistens offen trug, helle Haut und Tausende von Sommersprossen, die typische Irin eben. Bei all diesen Vorzügen war es ein steter Quell der Verwunderung, dass niemand sie je beneidete. Niemand wollte jemals so sein wie sie, obwohl sie stets die Klassenbeste sowie beliebteste Schülerin war. Jedes Jahr wurde sie erneut zur Klassensprecherin gewählt und mit ihrer klaren, melodischen Stimme und ihren zurückhaltenden, aber dennoch lebhaften Gesten sprach sie immer für die ganze Klasse, später für den Jahrgang, die Schule.
Worin also lag der Grund dafür, dass sie nie beneidet wurde, aber auch nie von Jungen begehrt wurde?
War es, weil sie einfach zu respekteinflößend war in ihrer stillen Größe?
Weil sie sich nicht für Jungs interessierte?
Wegen ihrer Distanz zu ihren Mitmenschen?
Oder lag ihr Fehler schlicht und einfach darin, dass sie blind war?

14.1.07 21:11

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